E-Mail-Interview mit Christoph Cantzler (Spiele-Entwickler)

 Zur Person:

CHRISTOPH CANTZLER lebt und arbeitet in Hamburg. Seit 1991 hat er als selbständiger Spiele-Autor mehr als 100 namentliche Veröffentlichungen, das von ihm entwickelte Spiel „Riff-Raff“ wurde in Frankreich als Kinderspiel des Jahres 2014 ausgezeichnet. Außerdem berät er Unternehmen bei der Entwicklung von Spielen zur Führung und Kommunikation.

Welche Analogien sehen Sie zwischen der „Gestaltung von Zusammenarbeit in Unternehmen“ und der Gestaltung, also dem Erfinden von Spielen?

Nüchtern betrachtet sind Spiele und Unternehmen komplexe soziale und produktive Systeme aus Regeln. Die Regeln funktionieren, wenn wir zu einer Haltung finden, die Zusammenarbeit und Zusammenspiel ermöglichen. Das Handeln nach Regeln – also Dienst nach Vorschrift – reicht nicht aus. Viel wichtiger ist, dass wir aus eigenem Antrieb, d.h. intrinsisch motiviert handeln und Lust an Leistung haben. Dass wir auch dann weiterarbeiten bzw. -spielen wollen, wenn es schlecht läuft oder wir gerade verloren haben. Die Haltung macht also den Unterschied. Ich bin davon überzeugt, dass eine spielerische Haltung nicht nur im Spiel, sondern auch in der Zusammenarbeit wichtig ist. Sie sorgt dafür, dass wir besser werden und uns Aufgaben leichter fallen, dass wir Abstand behalten und uns nicht in Ziele verbeißen, sondern eigene und fremde Bedürfnisse im Blick behalten und immer wieder neue Möglichkeiten entdecken.

Was sind die entscheidenden Kriterien für „gute Regeln“ bei der Spieleentwicklung? Unter welchen Bedingungen entscheiden Menschen gerne, sich freiwillig Regeln zu unterwerfen und finden doch zu einer spielerischen Haltung?

Selbstverständlich spielen wir nicht alles mit. Regeln funktionieren nur, wenn sie zu den Bedingungen der Spieler passen. Diese sind je nach Alter, Charakter, Erfahrung und Spielvermögen verschieden.

In der Spieleentwicklung geht es deshalb darum, die Bedingungen der Spieler zu antizipieren. Das heißt auch, die individuellen Bedingungen der Spieler zu balancieren – so dass unterschiedliche Menschen miteinander spielen können und wollen.

Trotzdem meine ich, dass es einige Bedingungen gibt, die für „gute Regeln“ immer gelten. Sie lassen sich anhand eigener Spielerfahrung überprüfen und ergänzen. Vereinfacht formuliert, geht es um die Forderungen der Französischen Revolution: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Dazu müsste ich weiter ausholen.

Tun Sie das. Was macht die Freiheit im Spiel aus?

Es geht um Handlungs- und Willensfreiheit sowie ein großes Freiheitsversprechen: Handlungsfreiheit im Spiel besteht, wenn wir tun können, wozu wir uns entschlossen haben und Zwang ausgeschlossen ist. Denn alles Spiel ist ja ein freies Handeln. Wir können zu keinem Spiel gezwungen werden. Zwang und Spiel sind unvereinbar – genauso wie Zwang und Liebe. Regeln sichern unsere Handlungsfreiheit. Als Spieler sind wir deshalb allein den Regeln verpflichtet und nicht weisungsgebunden. Schließlich wollen wir spielen und nicht gespielt werden.

Willensfreiheit setzt Alternativen voraus, die eine Wahl zulassen. Es muss mehr als die Option „Spielen“ geben. Zum Beispiel die Möglichkeit, bei einem Spiel nur zuzuschauen oder auch etwas ganz anderes zu tun. Freiheit muss auch innerhalb des Spiels bestehen. Keine Entscheidung darf alternativlos sein. Sobald wir keine Entscheidung mehr treffen können, ist das Spiel entschieden. Wir sind dann unfrei und das Spiel hat seinen Reiz verloren.

Allerdings macht eine unendliche Menge an Optionen eine Willensbildung ebenso unmöglich wie keine Alternative. Sie überfordert uns, weil wir unendlich viele Optionen nicht beurteilen können und das macht es unmöglich, eine echte Wahl zu treffen. Kurz: Wir fühlen uns unfrei, wenn uns zwar alle Möglichkeiten offen stehen, aber wir trotzdem – oder gerade deshalb keinen Willen bilden können. Unsere Entscheidungen sind dann rein zufällig.

Der Trick der Spieleentwicklung ist es, einerseits die Handlungsoptionen durch Regeln so zu begrenzen, dass wir sie beurteilen können und andererseits neue Optionen zu eröffnen, in dem Regeln unsere Kreativität anregen, unsere Geschicklichkeit, unser Wissen und strategisches Denken fordern. Beides zusammen, Möglichkeiten auszuschließen und zu eröffnen, macht das Freiheitsversprechen und den Reiz von Spielen aus.

Gute Regeln machen uns also urteils-, entscheidungs- und handlungsfähig. Sie geben uns Macht und fordern unsere Leistung ab, schreiben uns jedoch keine Strategie vor.

Wir nehmen sie nicht als Vorschriften wahr, sondern eben als Freiheiten: als Chance, unsere Fähigkeiten ohne Zwang auszuüben und auszubilden. Wir suchen die Grenzen unserer Freiheit im Spiel – das ist reizvoll. Und das sorgt dafür, dass wir autonom und intrinsisch motiviert immer besser werden.

Kurz: Gute Regeln machen es möglich, dass wir unsere Freiheit entdecken und wahrnehmen können. Der Theologe Ernst Lange beschrieb es so: „Spielen ist die Weise, in der ein Mensch seinen Möglichkeiten auf die Spur kommt“. Das ist die erste Bedingung dafür, sich Regeln zu unterwerfen.

Weitere Bedingungen sind Gleichheit und Brüderlichkeit?

Auch wenn ich eingangs die Parole der Französischen Revolution zitiert habe, möchte ich doch lieber von Gerechtigkeit und Gemeinsinn sprechen. Zunächst mal zur Gerechtigkeit. Die Spieleentwicklung verbindet verschiedene Konzepte miteinander: Regel-, Bedarfs- und Leistungsgerechtigkeit.

Regelgerechtigkeit meint, dass alle Mitglieder der Spielgemeinschaft denselben Regeln unterworfen sind. Es gibt keine Ausnahmen für einzelne Spieler und wenn doch, haben sich alle Spieler darauf verständigt. Jedoch: Die Regelgerechtigkeit allein macht noch kein gutes Spiel aus. Zudem kommt es ebenso auf die Leistungs- und Bedarfsgerechtigkeit an.

Bedarfsgerechtigkeit stellt sicher, dass jeder alles Notwendige bekommt, um mitspielen zu können und mitspielen zu wollen. Es ist also nicht erforderlich, dass alle zu Beginn über die dasselbe Ausgangsposition und das gleiche Spielmaterial verfügen. Bspw. erhalten bei Rommé alle Spieler zwölf Karten, der Startspieler aber 13 Karten – weil er als Erster eine Karte ausspielt und infolgedessen noch zwölf Karten hat. Seine 13. Karte zu Spielbeginn deckt also seinen höheren Bedarf. Ob das als gerecht wahrgenommen wird oder zu Streit führt, hängt von der Erfahrung der Spieler ab.

Mit der Leistungsgerechtigkeit ist es noch schwieriger. Bessere Leistungen führen nur bei reinen Strategiespielen zum Sieg. Wenn der Zufall ins Spiel kommt, kann es auch für den Besseren schlecht ausgehen.

Die Aufgabe der Spieleentwicklung ist es, die Regel-, die Bedarfs- und die  Leistungsgerechtigkeit miteinander zu verbinden. Die Tricks heißen Transparenz von Leistung und Zufällen, die Balancierung verschiedener Bedürfnisse und die Varianz der Spielverläufe.

Nun noch zu Gemeinschaft und Gemeinsinn. Der Kulturhistoriker Johan Huizinga stellte fest, dass Spiele die Bildung von Gemeinschaften begünstigen. Die Spielgemeinschaft hat die Tendenz, eine dauernde zu werden, die auch dann noch besteht, wenn das Spiel beendet ist.

Die Bildung von Gemeinschaft im Spiel ist meiner Meinung nach die dritte Bedingung dafür, dass wir Regeln akzeptieren. Denn Spiele ohne Gemeinschaft – und Gemeinschaftsgefühl – befriedigen keine sozialen Bedürfnisse. So hat zum Beispiel der Aufbau von Communities rund um Computerspiele das Ziel, eben so etwas wie Nestwärme zu erzeugen, die wir allein vor dem Rechner nicht finden.

Spielgemeinschaften entstehen aber nicht über Teamregeln zur Konfliktvermeidung. Regeln wie „Jeder hat das Recht, Fehler zu machen. Jeder hat die Pflicht, erkannte Fehler zu korrigieren und dem Wiederholungsfall vorzubeugen“ haben im Spiel keinen Wert – sie würden als Bevormundung verstanden werden und wären sinnlos Denn Spieler wollen von selbst besser werden; gelingt ihnen das nicht, brauchen sie Unterstützung, um wieder zu einer spielerischen Haltung zu finden, aber keine Ermahnung

Spielgemeinschaften entstehen erst durch konstruktive Konflikte, die nach Regeln ausgetragen werden. Der Trick der Spielentwicklung ist es hier, die Konflikte gezielt herbeizuführen. Denn gäbe es im Spiel keine Auseinandersetzung, wäre das Spiel reizlos. Erst die Auseinandersetzung schafft Respekt und ist vertrauensbildend. Erst in der Auseinandersetzung können wir zusammenfinden. Wichtig ist zudem, dass die Regeln uns eine attraktive Rolle innerhalb einer Gemeinschaft bieten. Die Rolle hat eine Bedeutung und Funktion, die wir gerne übernehmen. Die Regeln beziehen uns ein. Wir sind am Spiel beteiligt und vom Spiel unserer Mitspieler betroffen. Spielentwicklung hat zum Ziel, dass die Regeln für uns funktionieren – nicht umgekehrt.

Zu Beginn der französischen Revolution lautete eine Variante der Losung aber wohl auch: „Freiheit, Gleichheit, Eigentum“, was zu der Frage führt: Was ändert sich bei Spielen um Geld gegenüber den reinen Unterhaltungsspielen und wie verändern sich entsprechend die Analogien zur Zusammenarbeit in Unternehmen?

Was die Spielarten unterscheidet, sind insbesondere die Voraussetzungen, die Wertung, das Ende und last but not least die Motivation der Spieler. Geldspiele werden durch die Geldeinsätze der Teilnehmer und ihre extrinsische Motivation ermöglicht. Wer Geld einsetzt, will und muss dauerhaft Geld gewinnen, um weiterspielen zu können. Vom Fall der Pleite – und der Spielsucht – einmal abgesehen, entscheidet jeder Geldspieler für sich über den Ausstieg aus dem Spiel. Gewertet wird am Ende der individuelle Kassenstand; der Gewinn oder Verlust im Vergleich zum Einsatz. Der Grad der Umverteilung von Geld entscheidet also, ob sich das Spiel für den Einzelnen gelohnt hat.

Unterhaltungsspiele werden durch die Leistung der Teilnehmer und ihre intrinsische Motivation ermöglicht. Wer Leistung bringt, möchte seine Leistung auch steigern und er muss seine Leistung auch steigern, um dauerhaft mitspielen zu wollen. Wäre es anders, droht hier der Verlust der intrinsischen Motivation und in der Folge lassen wir vom Spiel die Finger. Abgesehen von der Möglichkeit, ein Spiel aus Enttäuschung abzubrechen, enden Unterhaltungsspiele unter zuvor vereinbarten Bedingungen. Gewertet wird am Ende die Leistung; der Abstand im Vergleich zum eigenen und fremden Leistung. Der Grad der Unterscheidung von Leistung entscheidet hier also, ob sich das Spiel für den Einzelnen gelohnt hat.

Die Zusammenarbeit in Unternehmen ist ein Zwitter aus Unterhaltungs- und Geldspiel. Einerseits muss ein Unternehmen Geld verdienen, um Menschen unterhalten bzw. mit Geld versorgen zu können. Andererseits müssen Menschen ein Unternehmen mit Leistung versorgen bzw. unterhalten, damit es Geld verdienen kann. Unternehmen brauchen Menschen, die Geld einsetzen und Geld verdienen, damit sie es weiter einsetzen können und wollen und Menschen, die etwas leisten und immer besser werden wollen, damit sie besser als die Konkurrenz sind. Kurz: Unternehmen brauchen Menschen, die extrinsisch und intrinsisch motiviert sind, um am Markt zu bestehen.

Vielleicht ist die Idee von der extrinsischen Motivation gut geeignet um zu beschreiben, warum Menschen etwas tun, wozu sie eigentlich gar keine Lust haben. Letztendlich ist aber jeder Antrieb wohl doch ein intrinsischer, haben extrinsische Anreize nur eine Umlenkfunktion. Im Sinne von: „Ich mache etwas für Geld, obwohl ich es sinnlos finde, weil ich mit dem Geld etwas für mich Sinnvolles tun kann.“

Management-Denker weisen aktuell gerne darauf hin, für Unternehmen käme es letztlich auf das an, was Menschen nur ohne Zwang bereit sind zu geben: Eigeninitiative, Kreativität und Hingabe. Was können wir vor diesem Hintergrund, für die Gestaltung von Zusammenarbeit, aus dem Phänomen lernen, dass Erwachsene freiwillig miteinander spielen? Und sie dort die Begeisterung und Leidenschaft einbringen, die für Unternehmen so schwer zu bekommen ist!

In der Spielentwicklung wird die Tätigkeit gemanagt und nicht die Spieler. Die Spieler wollen von selbst immer besser werden und ärgern sich über Fehler am meisten. Anders gesagt: Die Effizienz ihres Handelns im Hinblick auf das Ergebnis ist Sache der Spieler. Die Effizienz der Regeln im Bezug auf den Aufforderungscharakter der Tätigkeit ist Sache der Spielentwickler.

Übertragen auf die Zusammenarbeit in Unternehmen bedeutet das:

Ohne Aufforderungscharakter – und die Möglichkeit neue Strategien zu erproben bzw. besser zu werden – gibt es weder Eigeninitiative, noch Kreativität und Hingabe. Ohne Aufforderungscharakter der Tätigkeit zählt einzig die extrinsische Motivation. Geben wir uns einer Tätigkeit hin, hat sie hohen Aufforderungscharakter, und es zählt, was wir einbringen können. Vergessen wir darüber aber, dass wir im Unternehmen Geld verdienen müssen, droht die Pleite. Im Unternehmen muss es beides geben: Die Lust an Leistung und die Lust am Gewinn. Und eine spielerische Haltung, die beides ermöglicht.

 

Das Interview als Pdf

Zur Internetseite von Christoph Cantzler